Unsere Sammlung von Märchen, Sagen und Legenden
Alsfeld
Die Fettaugen
Vor vielen Jahren, in alten Zeiten, ging einst der Herrgott auf der Erde umher um zu erfahren, wie die Menschen seine Gebote hielten.
Eines Abends kam er in ein kleines Dorf und bat die reichen Bauern um ein Nachtquartier. Überall wurde er abgewiesen. Nur in einem Häuschen am Ende des Dorfes fand er Aufnahme. Das kleine Haus wurde von einer armen Frau bewohnt. Sie war bereit, alles mit dem fremden Wandersmann zu teilen. Sie holte Kartoffeln und etwas Milch. Auch eine armselige Suppe bot sie ihm an. Weil sie keine Butter im Hause hatte, war auch die Suppe fast ohne Fett geblieben. Deshalb schwammen unzählige winzige Fettaugen auf der Suppe.
Als sich der Herrgott gestärkt hatte, bot ihm die Frau ihr ärmliches Bett an, sie selbst hatte nur ein Strohlager für sich. „Du bist ein alter Mann und gewiss sehr müde, deshalb schlafe in meinem Bett. Ich kann mich eine Nacht auch mit einem Strohlager behelfen“, sagte sie und duldete keinen Widerspruch.
Am anderen Morgen verabschiedete sich der Herrgott von der armen Frau. Er sagte: „Weil du so gastfreundlich gewesen bist, will ich dich reichlich belohnen. Für jedes der Fettaugen in deiner Suppe sollst du ein Goldstück erhalten.“ Der Frau gingen die Augen über, als der fremde Wanderer in seinen Sack langte und Goldstück für Goldstück hervorholte und auf den Tisch zählte. Bald war der ganze Tisch mit Gold bedeckt, und der Herrgott wollte mit dem Aufzählen nicht aufhören. Als der Fremde gegangen war, war die Frau reich geworden. In diesem Augenblick kam eine reiche Nachbarin zur Tür herein. Als sie das Gold erblickte, schienen ihr die Augen aus den Höhlen zu fallen. „Woher hast du diesen Reichtum?“, fragte sie. „Da kam gestern ein Wanderer vorbei, der bat um ein Nachtquartier. Ich habe ihn aufgenommen, und da hat er mir für jedes Fettauge in der Suppe ein Goldstück auf den Tisch gezählt“, antwortete die Frau.
Die Nachbarin wusste, was sie zu tun hatte. Sie dachte: „Wenn der Fremde bei einer so kärglichen Aufwartung so viel Geld verschenkt, was wird der mir erst zahlen, wenn ich ihn gut und reichlich bewirte.“ Sie bespannte einen Wagen und fuhr dem Wandersmann nach. Bald hatte sie ihn eingeholt. Sie bat und bettelte so lange, entschuldigte sich sooft für ihr Verhalten am vergangenen Tage, bis der Herrgott endlich einwilligte, auch bei ihr zu Gast zu sein. Er stieg in den Wagen und fuhr mit der reichen Bäuerin in das Dorf zurück.
Hier in ihrem Hause trug die Bäuerin ihrem Gast die herrlichsten Speisen auf: Kuchen, Wein, Braten, Schinken, Eierspeisen, feines Gemüse, Beeren und eine besonders gute Suppe. In die Suppe tat sie das feinste Fett, frische würzige Butter. Einen großen Klumpen hatte sie genommen. Auf der Suppe erschien ein einziges, riesengroßes Fettauge. Es breitete sich in der weiten Schüssel nach allen Seiten aus, bis es die gesamte Oberfläche der Schüssel bedeckte.
Der Herrgott hatte von jeder Speise nur eine winzige Menge gegessen. Dann erhob er sich und sprach: „Liebe Frau, ich danke dir für die köstliche Bewirtung. Ich kann jedoch nicht länger bei dir bleiben, ich muss heute noch weiterwandern. Ich will dich belohnen. Für jedes Fettauge auf der Suppe sollst du ein Goldstück erhalten.“ Dann griff er in seinen Sack und legte ein Goldstück auf den Tisch. Vorbei an der betroffenen Bäuerin ging er zur Tür hinaus und war im gleichen Augenblick spurlos verschwunden.
Aus: "Auf den Spuren der Brüder Grimm" von Eberhard Michael Iba, erschienen bei CW Niemeyer.
Quelle: Ulrich Benzel, Erzählerin Jeanette Voller, Alsfeld – gehört von Elsa Vollmer.
Bad Oeynhausen
Der Farnsamen
Der Farnsamen hat die wunderbare Eigenschaft, dass er unsichtbar macht. Er ist aber schwer zu finden, denn er reift nur in der Mittsommernacht von zwölf bis eins, und dann fällt er gleich ab und ist verschwunden.
Einem Mann in Bergkirchen ging es einmal wunderlich damit. Er suchte gerade in dieser Nacht sein verlorenes Füllen und kam da durch eine Wiese, in welcher gerade Farnsamen reifte, und so fiel ihm dieser in die Schuhe. Des Morgens kehrte er wieder nach Hause zurück, trat in die Stube und setzte sich. Es kam ihm seltsam vor, dass Frau und Hausgenossen ihn gar nicht beachteten. Da sprach er: „Das Fohlen habe ich nicht gefunden.“ Alle, die in der Stube waren, erschraken sichtlich. Sie hörten die Stimme des Mannes und sahen doch niemanden. Da rief ihn die Frau mit Namen und meinte, er müsse sich wohl versteckt haben. Er aber stand auf, stellte sich mitten in die Stube und sagte: „Was rufst du, ich stehe ja hier nahe vor dir.“ Da wurde der Schreck noch größer, denn man hatte aufstehen und gehen gehört und sah doch nichts. Der Mann aber merkte nun, dass er unsichtbar war. Zugleich fiel ihm ein, er möchte wohl Farnsamen in den Schuhen haben, denn es drückte ihn, als wenn Sand darin wäre. Er zog die Schuhe ab, stäubte sie aus, und wie er das tat, stand er sichtbar da vor aller Augen.
Aus: "Auf den Spuren der Brüder Grimm" von Eberhard Michael Iba, erschienen bei CW Niemeyer.
Quelle: Ferdinand Grimm/Wilhelm Redeker, Quellentext Redeker
Wer im Vogelsberg wandert und auf dem Weg zum Oberwald durch Ilbeshausen kommt, wird unter allen Gebäuden das schöne, lang gestreckte Fachwerkhaus mit allerlei Zierrat an Fenstern, Türen und Gebälk bewundern. Am zweiten Stock befindet sich ein Wandfach, das einen schwarz gemalten Mannskopf mit einem Hut, man spricht vom Teufel, darstellen soll.
Ein Mann, so geht die Sage, hat sieben Jahre lang im Oberwald Holz für den Bau des Hauses geschlagen und nach einem selbst erdachten Plan behauen. Als es nun ans Bauen ging, übermannte den Mann der Hochmut, und er wettete in seinem Übermut mit dem Teufel, dass er genauso schnell und schön bauen könne wie er.
Die Zwei machten sich ans Werk, der Teufel baute den unteren Teil des Giebels, der wunderschön ist und noch heute die Bewunderung aller erregt. Der Mann zimmerte den oberen Teil, der dem unteren nicht im Mindesten entspricht. Der Teufel war eher fertig und hing zum Hohn seinen Hut auf die oberste Spitze des Gebäudes nach dem Walde hin. Dann führte er den Mann ins Crainfelder Feld und zerriss ihn in den Lüften. Seitdem heißt das wunderschöne Fachwerkhaus Teufelsmühle. In ihr befindet sich ein Wandfach, welches von außen wie ein Fenster aussieht, durch das der Teufel noch heute zuweilen aus- und einschlüpfen soll.
Geht man von Ilbeshausen nach Breungeshain durch den Oberwald, so liegt nicht weit vom Weg ein großer Stein, der wird der Teufelsstein genannt. Dort haben einmal schlechte Leute eine ganze Nacht hindurch mit dem Bösen Karten gespielt. Noch heutzutage kann man eine Delle im Stein sehen, dahinein hat der Teufel seine Spielheller gelegt.
Aus: "Auf den Spuren der Brüder Grimm" von Eberhard Michael Iba, erschienen bei CW Niemeyer.
Quelle: Theodor Bindewald/Eberhard Michael Iba, aus dem Volksmund gesammelt.
Der Rattenfänger von HamelnIm Jahr 1284 ließ sich zu Hameln ein wunderlicher Mann sehen. Er hatte einen Rock von vielfarbigem, buntem Tuch an, weshalb er Bundting soll, geheißen haben, und gab sich für einen Rattenfänger aus, indem er versprach, gegen ein gewisses Geld die Stadt von allen Mäusen und Ratten zu befreien
Die Bürger wurden mit ihm einig und versicherten ihm einen bestimmten Lohn. Der Rattenfänger zog demnach ein Pfeifchen heraus und pfiff, da kamen alsobald die Ratten und Mäuse aus allen Häusern hervorgekrochen und sammelten sich um ihn herum.
Als er nun meinte, es wäre keine zurück, ging er hinaus, und der ganze Haufen folgte ihm, und so führte er sie an die Weser; dort schürzte er seine Kleider und trat in das Wasser, worauf ihm alle die Tiere folgten und hineinstürzend ertranken.
Nachdem die Bürger aber von ihrer Plage befreit waren, reute sie der versprochene Lohn, und sie verweigerten ihn dem Manne unter allerlei Ausflüchten, so dass er zornig und erbittert wegging.
Am 26. Juni auf Johannis- und Paulitag, morgens früh sieben Uhr, nach andern zu Mittag, erschien er wieder, jetzt in Gestalt eines Jägers, erschrecklichen Angesichts, mit einem roten, wunderlichen Hut, und ließ seine Pfeife in den Gassen hören. Alsbald kamen diesmal nicht Ratten und Mäuse, sondern Kinder, Knaben und Mägdlein vom vierten Jahr an in großer Anzahl gelaufen, worunter auch die schon erwachsene Tochter des Bürgermeisters war. Der ganze Schwarm folgte ihm nach, und er führte sie hinaus in einen Berg, wo er mit ihnen verschwand.
Dies hatte ein Kindermädchen gesehen, welches mit einem Kind auf dem Arm von fern nachgezogen war, danach umkehrte und das Gerücht in die Stadt brachte. Die Eltern liefen haufenweis vor alle Tore und suchten mit betrübtem Herzen ihre Kinder; die Mütter erhoben ein jämmerliches Schreien und Weinen. Von Stund an wurden Boten zu Wasser und Land an alle Orte herumgeschickt, zu erkundigen, ob man die Kinder oder auch nur etliche gesehen, aber alles vergeblich
Die weiße Frau
Wer möchte nicht einmal einen Goldschatz heben und dabei noch eine gute Tat vollbringen? Jedoch gehören nur wenige zu den Auserwählten. Denn sonst wäre die weiße Jungfrau von Nienburg lange schon erlöst und brauchte nicht im alten Fresenhof herum zu spuken.
Einst in der Johannisnacht (24. Juni, Gedenktag zur Geburt Johannes' des Täufers) lag ein Soldat zu Nienburg im Quartiere. Weil der Mond so hell war, konnte er nicht einschlafen, ihm klappten immer wieder die Augendeckel hoch. Er stand auf und ging im Garten hinter dem Hof spazieren.
Plötzlich schwebte eine weiße Gestalt auf ihn zu und er dachte an ein Gespenst. Der tapfere Reiter griff nach seinem Degen der jedoch neben seinem Bette lag. Der Soldat brüllte: "Wer da?" Die weiße Jungfrau flüsterte: "Hier gut Freund! Hast du Mut und kannst gut schweigen, so will ich dich zu einem reichen Manne machen. Du musst mir folgen und tragen helfen. Aber sprich kein Wort, sonst ist alles hin!" "Mal ein anderes Abenteuer", dachte der Reitersmann und gelobte Schweigen.
Zunächst traten sie in einen nur durch den Mondschein erleuchteten Flur. Dann ging es durch Kammern, die Küche und zuletzt treppab in den Keller. Unter dem modergrauen Gewölbe stand ein großer Kessel voller glänzendem Gold. Ein schwarzer Hund mit bleckenden Zähnen saß oben drauf. Die Jungfrau packte den Hund und setzte ihn auf den Boden. Sie nahmen die Henkel des Kessels und trugen diesen aus dem Keller. Im Flur erleuchtete das Mondlicht den Kessel. Dem Soldat ist durch das Tragen heiß geworden. Er wischte sich den Schweiß von der Stirn und sagte: "Dunnerwetter, is dat Dings awer swör!" - Bums! ist der Kessel weg und die Jungfrau dazu. Dann ballerte ihm von Geisterhand eine Maulschelle um die Ohren (umgangssprachlich Ohrfeige), dass ihm der Priem (Kautabak) aus den Zähnen flog. Als der Soldat wider zu Sinnen kam, fand er sich wieder im Garten an jener Stelle, wo das Abenteuer begonnen hatte. Da donnerte die Turmuhr die zwölfte Stunde, und aus war es mit seinem Traum von Reichtum und Glück. Hätte er sich zusammengenommen, wär's anders gekommen.
Quelle: Mittelweser-Touristik
Wie die Grafen von Wölpe zu ihrem Namen kamen
Vor fast eintausend Jahren stand in der Nähe von Nienburg am Ortsrand von Erichshagen eine Burg, die dem Grafen Gero von Aldenhausen gehörte. Der Sage nach habe seine Frau auf einmal zwölf Knaben geboren. Dies erschreckte die Gräfin so sehr, dass sie aus Angst vor ihrem Gemahl, der Wehmutter den grausamen Befehl gab, einen der Knaben zurückzubehalten, die anderen aber im Burggraben zu ertränken.
Die Wehmutter tat die Kleinen in einen zugedeckten Korb. Als sie auf dem Burgwall ankam, begegnete ihr Graf Gero, der von der Jagd zurückkehrte. Neugierig fragte er, was denn im Korb sei. Voller Angst erwiderte die Wehmutter, es seien junge Wölfe. Im benachbarten Waldgebiet "Krähe" waren Wölfe zur damaligen Zeit keine Seltenheit. Neugierig verlangte der Graf die Tiere zu sehen und erblickte die elf Knäblein. So erfuhr er die Wahrheit. Er gebot der Wehmutter keinem Menschen davon zu erzählen.
Er brachte die Kinder bei verschiedenen Nachbarn unter, wo sie bis zum vierzehnten Lebensjahr blieben. Als sie nun alle ihren vierzehnten Geburtstag gefeiert hatten und zum ersten Mal das heilige Abendmahl empfangen sollten, befahl Graf Gero, die elf Knaben wie den zwölften in der Burg zu kleiden. Er stellte sie sodann der Gräfin vor und befahl ihr, sie solle ihren Sohn heraussuchen. Das konnte sie jedoch nicht, da sie sich alle stark ähnelten.
Nun hatte der Graf früher einmal die Frage gestellt, was einer Mutter geschehen müsste, die ihre eigenen Kinder umbringe. Sie hatte geantwortet, dass eine solche Rabenmutter in siedenes Öl geworfen gehöre. Daran erinnerte sich der Graf und sagte, das seien ihre zwölf Kinder. Elf habe er seinerzeit gerettet und großziehen lassen. Er wolle jedoch nicht nach ihrem eigenen Urteil an ihr verfahren, sondern sie am Leben lassen. So lebte der Graf mit seiner Gräfin und den zwölf Söhnen noch lange Zeit.
Die Söhne jedoch haben nach dem Tod des Vaters den Namen "Grafen von Wölpe" angenommen, wobei "Wölpe" so viel wie "Wölfe" bedeutet. Sie wurden ein berühmtes Geschlecht, welches jedoch schon seit einigen Jahrhunderten ausgestorben ist.
Quelle: Mittelweser-Touristik
Die glühenden Kohlen in Nienburg
Im alten Burgmannshof in der Hakenstraße soll sich folgende Geschichte zugetragen haben. Eines Nachts erwachte die Magd sehr früh; es war ganz hell, und sie meinte verschlafen zu haben. Sie eilte in die Küche, um das Feuer zu schüren. Als sie jedoch durch das Küchenfenster schaute, sah sie einen Haufen glühender Kohlen im Hof und ging hinaus, um davon umso schneller für ihr Herdfeuer Brand zu gewinnen.
Bei dem Kohlenfeuer lag ein großer schwarzer Hund, welcher sie mit seinen glühenden Augen grimmig anschaute. Die Magd kümmerte sich nicht um den Hund, fuhr mit ihrer Schaufel in die Kohlen hinein und kehrte mit der vollen Schaufel in das Haus zurück.
Als sie jedoch die Kohlen auf den Herd schüttete glühten sie nicht mehr, sondern waren erloschen. Sofort lief die Magd noch einmal hinaus und holte wieder eine volle Schaufel. Wie beim ersten Mal waren die Kohlen am Herd erloschen. Sie lief ein drittes Mal hinaus. Jetzt erscholl eine tiefe Stimme: "Du höre, dieses ist das letzte Mal!"
Die Magd erschrak und eilte wieder zum Herd. Die Kohlen jedoch waren wieder erloschen. Jetzt schlug die Turmuhr der Martinskirche. Die Magd horchte und wollte wissen, wie früh es ist. Sie zählte drei - vier - sechs - sieben - so spät konnte es doch nicht sein? Und die Glocke schlug immer zu, und schlug Zwölf. Im Hofe verschwanden das Kohlenfeuer und der schwarze Hund. Die Magd gruselte sich fürchterlich, lief in ihr Bett, verkroch sich unter der Decke und betete. Am Morgen verschlief sie und der Freisasse (Besitzer eines abgabenfreien Gutes) trat zuerst in die Küche. Er traute seinen Augen nicht, als er auf dem Herd statt glühender Kohlen einen Haufen glitzernder Goldstücke liegen sah. Er nahm den Schatz an sich und gab der Magd einen guten Anteil von dem durch sie gewonnen Reichtum.
Quelle: Mittelweser-Touristik
Es war im Jahre 1625, mitten im Dreißigjährigen Krieg, da stand der kaiserliche Feldherr Tilly vor Nienburg, einem Städtchen mit damals knapp 3000 Einwohnern. In der Weserstadt waren 3000 dänische Soldaten stationiert, die die protestantische Sache unterstützen sollten. Aber gegen die vielfache Übermacht des berühmten Feldherrn schien die schwach befestigte Stadt keine Chance zu haben. Doch es sollte anders kommen: Der Versuch Tillys, die Stadt zur Kapitulation zu zwingen wurde zunichte gemacht. Der Grund war der militärisch erfolgreiche Hans Michael Elias von Obentraut, der auch als „Deutscher Michel“ bekannt wurde. Er stand im Dienst des dänischen Königs und trat 1625 dem Feldherrn Tilly gegenüber. Er und seine tollkühne Kavallerie warfen die bereits übergesetzten Truppen Tillys zurück, zerstörten die Brücke und zwangen Tilly zum Abzug von der belagerten Stadt. Eine Niederlage, die der erfolgsverwöhnte Tilly nicht gewohnt war. Noch dazu musste er während der Belagerung eine weitere Schmach erleiden: Eine Gruppe von Nienburger Bürgern, genannt „Dat Wählige Rott“, die während des Dreißigjährigen Krieges aktiv war, erbeutete in der Nacht eine Fahne und ein Zelt des Feldherren Tilly. Der Begriff „Dat Wählige Rott“ bedeutet „die auserwählte Rotte“. Rotte ist ein zu der Zeit üblicher militärischer Begriff für Schar oder Gruppe gewesen.
Die Gruppe „Dat Wählige Rott“ ging damit in die Geschichte Nienburgs ein und wird seit jener Zeit zum alljährlichen Nienburger Scheibenschießen wieder lebendig. Bei diesem Nienburger Volksfest ziehen die männlichen Bürger mit Zylinder, schwarzem Anzug, weißen Handschuhen, Holzgewehr, geschmückt mit roten Rosen aus der Stadt zum Schützenplatz und ermitteln den Scheibenkönig. Ein Höhepunkt während des Scheibenschießens ist das große Pellkartoffelessenstatt. Dann steht in Nienburgs Altstadt eine lange Pellkartoffel-Tafel mit „richtigem“ Porzellan und feinen Tischdecken gedeckt. Serviert werden ab 18 Uhr von heimischen Wirten etwa 700 kg Pellkartoffeln und mehr als 7.000 Matjesfilets. Leckere Speckstippe und Sahnesoßen fehlen natürlich nicht. Erfrischende Getränke und Musik auf Bühnen runden das Spektakel ab.
Quelle: Mittelweser-Touristik (www.nienburg.de, www.dat-waehlige-rott.de)
Die Weiße junge Frau auf dem Hausberg
Nördlich von Rotenburg liegt der Hausberg, der auf seinem Gipfel die Trümmer einer Burg trägt; die Herren von Trott waren dort einst Burgmannen.
Eine Frau ging einst zwischen dem Gemäuer oben herum, als sie in einem Kellergewölbe eine Weiße Frau erblickte, die ihr freundlich winkte näherzutreten. Die Frau fasste sich ein Herz und stieg hinunter auf den Boden des Gewölbes, auf welchem viele dünn geschnittene Scheiben von gelben Rüben umherlagen. Die junge Frau machte ihr verständlich, dass sie davon nehmen möchte, soviel sie tragen könnte. Sie raffte also ihre Schürze voll, stieg ungehindert aus dem Gewölbe und kehrte nach Hause zurück, wo sie zu ihrer unbeschreiblichen Freude fand, dass die Rübenschnitte sämtlich in Gold verwandelt waren.
Aus: "Auf den Spuren der Brüder Grimm" von Eberhard Michael Iba, erschienen bei CW Niemeyer.
Quelle: Karl Lyncker, mündlich
Die Schwarzenbörner ließen nicht gern etwas umkommen. Es verdross sie daher gewaltig, das mit dem Gras, das auf der Stadtmauer wuchs, nichts anzufangen war. Viele Vorschläge zur Verwendung dieses Futters wurden gemacht, doch keiner fand allgemeine Zustimmung. Schließlich machte einer den Vorschlag, das Gras dem Stadtbullen zu gönnen. Da war nur noch die Frage, wie man den Bullen auf die Mauer brachte. Aber auch dafür fand sich Rat. Kräftige Männer wurden oben auf die Mauer gestellt. Die ließen nun einen starken Strick herunter, der dem Bullen um den Hals geschlungen wurde. Nun fingen die oben kräftig an zu ziehen, unten die aber schoben kräftig nach. Der Hals des Bullen wurde immer länger, aber ihm wurde auch der Hals zugezogen, so dass er beim Ersticken die Zunge lang aus dem Maule streckte. Als die Schwarzenbörner das sahen, riefen sie erfreut: ,,Seht ihr, er leckt schon!" Das gab den Männern oben neue Kraft, dass sie den Bullen endlich auf die Mauer brachten. Aber da war der Bulle tot.
Morgengrauen. Junker Hans streift unruhig durch die Burg – empor auf die Mauer. Von dort hat er den vollständigen Überblick über den Belagerungsring. Seit Tagen schon harrt der Feind aus.
Vom Wohnturm, die kalte Treppe hinab, führt ihn sein Weg am Gerichtsturm vorbei. Aus einigen Zellen dringt ein Stöhnen. Ihn fröstelt es. Schnell weiter. Durch den Rittersaal, in dem sie gestern noch getafelt und beraten hatten. Im Kamin erkaltet die Asche und mit ihr seine Entschlossenheit. Ist er dem Gegner gewachsen?
Seine letzten Kämpfe liegen schon eine Weile zurück. Er ist nicht mehr der Jüngste unter den Burgbewohnern. Das Schwert! Geschwind in die Gefechtskammer. Die vielen Klingen schimmern im Schein seiner Kerze. Dort, das Wappen. Es ist kaum zu erkennen, und doch füllt sich sein Herz mit Stolz. Natürlich, er wird seinem Namen alle Ehre machen. Wie töricht von ihm, daran zu zweifeln. In der alten Kapelle würde er noch ein Gebet sprechen. Und dann auf in den Kampf! …
eine Fabel
Der Schwan schwamm anmutig über den See, der in der abendlichen Sonne in allen warmen Farben schimmerte. Er sah sich gern an im Wasser, der ganze See eine einzige Spiegelfläche. Besonders mochte er es, wenn sein Gefieder frisch geputzt war und alle Enten, Gänse, Amseln und Meisen sich versammelten, um seine Schönheit und seine königliche Ausstrahlung zu bewundern.
Der Elch, der dieses Schauspiel vom Rande des Waldes, an dem der See gelegen war, allabendlich beobachtete, dachte nach, ob er je ein stolzeres Tier gesehen hatte. Von seinem sicheren Ort aus jedenfalls hatte er nie ein dem Schwan ebenbürtiges Tier erblickt. Da kam ihm die Idee, einen Wettbewerb zu veranstalten. Gewinnen sollte das Tier, das am meisten Stolz ausstrahlte.
Die Nachricht verbreitete sich rasch unter den Tieren und der nächste Samstag wurde als Wettbewerbstag ausgemacht. Um drei Uhr sollten sich alle Tiere treffen. An diesem Samstag versammelten sich alle Tiere auf der Wiese, die sich zwischen dem See und dem Wald befand. Das Publikum raunte begeistert Laute und es wurde spekuliert, wer der Sieger sein würde. Viele der Tiere dachten sich, dass der Schwan sicher gewinnen würde, schließlich war er der schönste und stolzeste Schwan, den sie je gesehen hatten. Vielleicht würde sogar niemand gegen den Schwan antreten wollen.
Der Elch begrüßte alle Tiere: „Seid willkommen meine lieben Freunde. Wie ihr euch schon sicher gedacht habt, tritt heute unser verehrter Schwan zum Wettbewerb an. Allerdings wurde mir auch noch ein weiterer Kandidat gemeldet.“ Erstauntes Murmeln ging durch den Wald und zog sich über die Wiese. „Wer denn?“ rief der Wolf. „Das Wildschein!“ antwortete der Elch. Manche Tiere kicherten. „Habt ihr das gehört? Das Wildschwein! Das ich nicht lache.“ sagte der Fuchs.
Der Schwan schwamm anmutig wie eh und je auf die Mitte des Sees zu und zog einige großflächige Kreise, hob seinen Kopf, öffnete seine Flügel und drehte eine Pirouette. Die Zuschauer jubelten. Wie sollte das Wildschwein da mithalten? Der Elch bat darum, das Ruhe einkehre. Er blickte Richtung Wald und da trottete behäbig das Wildschwein durch die Bäume bis an den Waldesrand. Es ließ sich alle Zeit der Welt, bis es endlich auf der Mitte der Wiese angekommen war. Es setzte sich auf seinen Hintern und furzte geräuschvoll dazu. Die übrigen Tiere rümpften die Nase, einige drehten sich angeekelt weg. „Nun, sagte der Elch, was möchtest du uns zeigen?“ „Gar nichts.“, antwortete das Wildschein. Das Publikum wurde unruhig. „Du verschwendest unsere Zeit!“ rief der Hase. Der Schwan hob seinen Kopf und blickte verächtlich in Richtung des Schweins.
Dieses räusperte sich und begann zu erzählen: „Ich habe sieben Kinder. Sie alle sind putzmunter und haben ein gutes Leben. Ich heitere sie auf, wenn sie traurig sind und ermahne sie, wenn sie sich nicht benehmen. Nachts wache ich über sie und auch über euch, damit niemand uns angreift oder bedroht.“
Die übrigen Tiere richteten ihren Blick auf sein Maul und die großen Stoßzähne. „Wenn meine Kinder groß sind, werde auch sie euch und unsere Heimat verteidigen. Darauf bin ich stolz, auch wenn ihr dies nicht sehen könnt.“
Stille war eingetreten unter den Tieren. Da ergriff der Schwan das Wort: „Du tust sehr viel Gutes für uns und deine Familie kann wirklich stolz auf dich sein.“
Alle Anwesenden freuten sich, dass sie erfahren hatten, wer nachts in ihrem Wald umherging, damit ihnen nichts geschehen konnte. Das Wesentliche schien für manche Augen unsichtbar, das hatten sie schon einmal gelesen, aber heute das erste Mal erfahren.
Einmal im Winter saß der Müller der Hergertsmühle an der Steina bei Seigertshausen des Nachts vor seiner Hausbibel. Die Mühle stand eingefroren, draußen fuhr der Wind durch die Bäume. Dazwischen aber klang es wie Rufen und Hetzen von Jägern, Hörnerblasen und Hundegebell, und plötzlich hörte der Müller ein Hündchen vor seiner Türe winseln. Da dacht er: willst das arme Vieh hereinlassen. Und als er hinaustrat in den Schnee, kauerte da ein hübsches Dachshündchen, als ob es um Einlass bettelte. Der Alte nahm es mit in die warme Stube. Kaum aber war der Hund drinnen, da erhob sich in der Luft ein Geschrei, ein Johlen und Brausen, und die Ziegeln klapperten, und die Fenster klirrten, als ob die Hölle los wäre. Und dann hörte der Müller ganz deutlich einen Hundenamen rufen und wusste nun mit einem Male: das ist der taube Jäger, dem gehört das Hündchen. Sofort machte er die Türe wieder auf, der Hund verwand schnell zwischen den Bäumen, und der Lärm verzog sich allmählich.
Aus „Schwälmer Sagenborn“ von Erika Eckhardt – Marburg 1982 – ISBN 3-7708-0744-8
Ein Bursche kam am Weg nach Oberaula am Goldborn vorbei, sah dort eine Jungfrau, die Weizen wusch und zu ihm sprach: Nimm dir ein paar Weizenkörner mit. Er steckte ein paar Körner in die Tasche und warf sie fort, als sie unterwegs zu schwer wurden. Zuhause fand er in der Tasche ein Goldstück. Alle 100 Jahre soll sich die Jungfrau am Goldborn zeigen, aber nur einem Sonntagskind.
Südwestlich von Christerode erhebt sich der Burgberg, ein besonderer Ort, auch wenn er auf den ersten Blick nicht sonderlich eindrucksvoll erscheinen mag. Aber hier, wo einst eine alte Burg thronte und unterirdische Gänge verborgen sein sollen, ranken sich auch heute noch viele Geschichten um die weißen Frauen.
So lebte einst in Christerode ein frommes und aufrichtiges Mädchen, das sich an einem wunderschönen Frühlingstag aufmachte, um auf der Wiese zwischen Burgberg und Steinwald Unkraut zu zupfen und Steine zu sammeln. Als es ganz vertieft in seine Arbeit vor sich auf den Wiesenboden schaute, entdeckte es plötzlich eine wunderschöne Schlüsselblume. Verzaubert von der hübschen Blume pflückte das Mädchen sie und steckte sie sich vorsichtig an ihre Brust. In diesem Augenblick war die ganze Gegend auf wundersame Weise verwandelt. Das Mädchen stand vor einem großen Tor, das in den Berg hineinführte. Eine weiße Frau stand dort, lächelte ihr freundlich zu und winkte ihr. Obwohl die weiße Frau blass und groß dastand, verspürte das Mädchen keine Angst und vertraute dem Lächeln der Frau. So folgte es der unheimlichen Gestalt, die hell strahlte und die finsteren Gänge der Felsen erleuchtete. Schließlich gelangten sie in ein großes Gewölbe, in dem viele mit Gold gefüllte Truhen standen. Die weiße Frau forderte das Mädchen durch Zeichen auf, sich von dem Gold zu nehmen, so viel es tragen konnte. Und nach einigem Zögern, ob es auch wirklich von dem Schatze nehmen dürfe, bückte sich das Mädchen und raffte fleißig Gold in die Schürze. Dabei fiel die Schlüsselblume zur Erde. Beim Verlassen des Gewölbes sprach die weiße Frau plötzlich: „Vergiss das Beste nicht!“ Das Mädchen aber dachte nicht an die Schlüsselblume und eilte ins Freie. Kaum aber war sie durch das Tor getreten, als sich der Berg mit einem Krachen schloss, und alles war wieder wie vorher. Ob das Mädchen jemals wieder den Eingang zu dem Gewölbe fand, ist nicht überliefert. Aber noch heute wird erzählt, dass mit dem Gold aus dem Burgberg eine der Glocken in der Kirche zu Christerode angeschafft worden sei.
Mit reicher Beute, die er unter Rotbarts Fahnen erworben hatte, kehrte Ritter Hermann, Graf von Schwalenberg, aus Palästina zurück. Es war ein Tag hohen Jubels, als er in dem alten Schloss seiner Väter, tief in den westfälischen Bergen, seinen Einzug hielt, denn viele Jahre war er fern gewesen von Weib und Kind, und manchmal hatten diese in ihrer Einsamkeit an seiner Wiederkehr gezweifelt. War doch so mancher ausgezogen, das heilige Kreuz zu befreien, von dem nie wieder Kunde in seiner Heimat gehört wurde.
Nach einiger Zeit, als der Ritter alle Geschichten von den Schlachten, Eroberungen und Gefahren erzählt, als er alle seine mitgebrachten Schätze immer wieder gezeigt hatte, sprach er zu seiner treuen Frau: „Wir bewohnen ein altes Haus, seine Zinnen und Mauern beginnen schon zu wanken. Nun bin ich aber reich genug, eine neue Burg zu bauen, stattlich und fest, worin es sich angenehmer und sicherer wohnen lässt. Darum habe ich mir dort jene Bergspitze ausersehen, um ein Schloss darauf zu gründen, oder wüsstest Du einen besseren Bauplatz, teure Hildeburg?“ Die Gattin des Ritters meinte zwar anfangs, es sei nicht gut, das alte Ahnenhaus so schnöde zu verlassen, und es sei wohl auch noch nicht gar so baufällig und morsch. Aber als Hermann sie darauf in der verwahrlosten Feste umherführte, als er ihr zeigte, wie hier eine Turmspitze gänzlich zerbröckelt war, wie dort eine Zimmerdecke einzustürzen drohte, wie Raben und Uhus durch gähnende Mauerlücken ungehindert ein- und ausfliegen konnten, gab sie schließlich ihre Zustimmung zu dem Bau; sie dachte dabei an die unermesslichen Schätze und Kostbarkeiten ihres Mannes, und schon wenige Tage später waren die Werkleute damit beschäftigt, die jähe Höhe abzutragen und zu ebnen.
In der folgenden Nacht hatte Ritter Hermann einen gar seltsamen Besuch. Von einem sonderbaren Scharren und Hüsteln geweckt, erblickte er vor seinem Bett eine ganze Schar winziger alter Männchen, die fast wie Bergleute gekleidet waren. Jeder von ihnen trug eine kleine goldene Ampel, wodurch das Schlafgemach des Ritters ganz erhellt wurde. Der Ansehnlichste unter den Kleinen trat etwas vor und begann, unter wunderlichen Kratzfüßen, seine Anrede: „Gestrenger Herr Ritter, wir haben erfahren, dass Ihr gewillt seid, auf jenem Berg ein Schloss zu bauen. Wir wollten Euch aber inständig bitten, den Bau zu unterlassen.“ Über dieses Ansinnen lachte der Ritter laut auf. „Wer dürfte es doch wagen“, rief er, „mich an meinem Bau auf meinem eigenen Grund und Boden zu hindern. Der Berg gehört völlig zu meinen Besitzungen. Wer seid ihr denn, ihr kleines verwegenes Volk?“ „Wir sind die Herren der Berge“, erwiderte der kleine Sprecher sehr ernsthaft. „Und in dem Berg, den Ihr bebauen wollt, wohnen unserer viele. In warmen, mondhellen Nächten schlüpfen wir aus den Tiefen heraus und halten oben ein munteres Tänzchen. Wenn dort nun ein Schloss stände, so wäre uns das, wie Ihr doch einsehen solltet, sehr hinderlich. Und nun gar unsre schmucken Mädchen, wenn sie einmal Lust bekämen, sich in dem Brunnen, der auf dem Berg quillt, zu baden, und es triebe sich dann vielleicht gerade ein Tross roher Knappen dort umher. – Baut lieber auf einem anderen Berg, Herr Ritter. Wir Berggeister und Zwerge wollen Euch gern behilflich sein.“ Aber Ritter Hermann war nicht von der Art, sich von einem vorgenommenen Werk, zumal auf solche Weise, abbringen zu lassen. „Setzt meine Geduld nicht länger auf die Probe“, rief er im höchsten Zorn. „Packt euch sogleich fort und sagt denen, die euch hergesandt haben, dass ich bauen werde, wo immer es mir beliebt, und dass weder Zwerge noch Geister mich daran hindern werden!“ Die Zwerge entfernten sich trippelnd und seufzend, und es sah beinahe so aus, als wenn der eine oder der andere von ihnen sich eine Träne aus den Augen wischte. –
In den drei folgenden Nächten kamen und gingen die Zwerge ebenso, aber durch ihre Bitten wurde Ritter Hermann nur noch hartnäckiger. Sie kamen daher nicht wieder, und der Bau begann ungehindert.
Manche alte Eiche, die Jahrhunderte hindurch ihr Haupt stolz emporgehoben hatte, musste sinken, mancher Steinkoloss wurde dem Schoß der Erde, wo er lange geruht hatte, entrissen. Alles wurde mit unsäglicher Anstrengung den Berg hinaufgeschleppt, und mehr als ein Ross stürzte, zu Tode ermattet, unter der Geißel des Treibers an dem steilen Hang nieder. Täglich war der Ritter selbst oben bei den Arbeitern und ordnete an und befahl und ließ sich nicht verdrießen, das Kleinste wie das Größte sorgsam im Auge zu haben. So wuchsen denn bald die ersten Mauern trotzig empor, und gar nicht lange währte es, bis man Größe und Gestalt der neuen Burg erkennen konnte. Der Brunnen der Zwerge sprudelte mitten im Schlosshof, so hatte es der Ritter ausdrücklich gewollt. Immer höher hoben sich die Mauern; es bildeten sich allmählich die Zinnen und Warten, Erker und Balkone. Endlich, nachdem drei Mal die Blätter in den Stürmen des Herbstes gefallen waren, stand der Bau herrlich vollendet da. Zehn Türme ragten, mit Stahl gedeckt, ringsum empor. Die mittelste höchste Zinne war ganz vergoldet, alle Türen der Burg waren aus Kupfer, und über dem Eingang in den Rittersaal prangte Hermanns Wappen, von gediegenem Silber gearbeitet.
Der nächste erste Mai war zur feierlichen Einweihung dieses Prachtgebäudes bestimmt, und Einladungen waren an alle Ritter und Herren der westfälischen Lande ergangen. Viele Wochen vorher schon sah man sie auf hohen Rossen der Hermannsburg zureiten, denn keiner der Geladenen wollte bei dem Fest fehlen. Über hundert Edelleute kamen zusammen, den Tag des ersten Mai zu begehen. Als nun alle versammelt waren, begann das Fest mit einem großen Turnier. Zu Ross und zu Fuß, mit Schwert und Lanze, einzeln und in großen Massen ward in dem geräumigen Burghof gekämpft, und manch köstlichen Preis trug die Tapferkeit der Ritter davon. Nach beendigtem Kampfspiel zogen sie in die Hallen des Schlosses ein, wo ein gar stattliches Mahl gehalten wurde. Die Tafeln waren mit Purpurdecken belegt, man speiste von silbernen Schüsseln und trank welschen und griechischen Wein aus goldenen Pokalen. Während des Mahles priesen Spielleute in lieblichen Liedern die Taten von Hermanns Ahnen und hörten nicht auf, die edlen Zecher zu ergötzen. Bis spät abends erklangen vom Tanzsaal her lustige Weisen und lockten die Ritter und Frauen zu munteren Reigen.
Stunde um Stunde dauerte die Lust, bis endlich die Mitternacht stumm und schwarz herniederkam. Da kam plötzlich ein gewaltiger Stoß aus der Tiefe des Berges herauf, das ganze Gebäude erzitterte – die trunkenen Ritter fuhren entsetzt zusammen. Es folgte noch ein Stoß und wieder einer, dass die Mauern barsten und die Türme einstürzten! Da und dort glommen tausend kleine Flammen wie Irrlichter an den Säulen und Zinnen hinauf und leckten an den Balken und Dächern, wurden größer und vereinten sich; bald war die Burg eine einzige, zu den Wolken aufschlagende Lohe. Unzählige kleine Gestalten umtanzten hohnlachend die prasselnde Glut. Ritter Hermann aber wurde mit all seinen Gästen unter dem einstürzenden Schloss begraben. Das war die Rache der Zwerge.
Viele Jahrhunderte sind seitdem vergangen, aber noch stehen auf einer steilen Bergkuppe an den Ufern der Emmer die Ruinen der Hermannsburg, und der Brunnen der Zwerge quillt in dem wüsten Gemäuer, silberhell wie ehemals.
Zwischen Schieder-Schwalenberg-Glashütte und Lügde erhebt sich die Herlingsburg (334 m), eine Wallanlage aus vorchristlicher Zeit und alte sächsische Fliehburg, die der Sage nach Wohnstätte von Hermann dem Cherusker sowie von Ritter Hermann aus dem Schwalenberger Geschlecht gewesen sein soll.
Aus: "Auf den Spuren der Brüder Grimm" von Eberhard Michael Iba, erschienen bei CW Niemeyer.
Quelle: Karl Lyncker, Josef Seiler, Jüngere Mythe.
Eindeutig beweisen lässt sich nicht, ob die Verdener Lätare-Spende auf ein Vermächtnis des legendären Seeräubers Klaus Störtebekers zurückzuführen ist. Aber es ist eine gern erzählte Geschichte und gelebte Tradition: So werden drei Wochen vor Ostern, nach der Hälfte der Fastenzeit, an Lätare (Sonntag) Brot und Heringe auf dem Rathausplatz an die anwesende Bevölkerung verteilt. Mit dabei ist Klaus Störtebeker und einige seiner Kumpane sowie geladene Ehrengäste aus der Politik. Spendenrechnungen belegen, dass bereits seit dem Jahr 1602 Brot und Salzheringe an die bedürftige Bevölkerung verteilt werden. Diesen Rechnungen ist auch die genaue Menge zu entnehmen: 18 kleine Verdener oder 12 Himpten Hannoversches Maß an Roggen (ca. 300 Kilogramm) sowie eine Tonne Salzheringe. Auch der Empfängerkreis ist von früher bekannt. Der Syndikus der Stadt erhielt 20 Brote, Stadtschreiber und Küster je sechs und die Armen jeweils ein Brot. Der Überlieferung nach hat Störtebeker dem Verdener Dom sieben Kirchenfenster zur Verbüßung der sieben Hauptsünden - Hochmut, Geiz, Wollust, Völlerei, Neid, Zorn und Trägheit des Herzens - gestiftet. Keines dieser Fenster ist jedoch erhalten geblieben.
Quelle: Mittelweser-Touristik
Es war einmal ein Küster oder Rentmeister des Domes, welcher die Gelder dieses Gotteshauses veruntreut und schändlich verprasst haben soll. Als er nun vor dem Bischof und dem Domkapitel Rechenschaft ablegen sollte, verschwor er sich dem Teufel, wenn er solches getan hätte. Daraufhin erhob sich dreimal ein schreckliches Heulen und Lachen um den Dom herum, der Böse selbst erschien, hat den Küster gepackt und wollte mit ihm durch die Mauer des Domes hinausfahren. Dabei ist des Teufels „Beute“ in der Mauer stecken geblieben und wurde zu Stein. Vermutlich ist der „Steinern Mann“ ein funktionslos gewordener Wasserspeier.
Quelle: Mittelweser-Touristik
